Esst mehr Fisch – und zwar ohne schlechtes Gewissen!

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Richard S. Beerbaum

Richard S. Beerbaum. Foto: Best Page

Bin gerade aus dem Urlaub zurück. Kleine Frankreichfahrt. Mann, was haben wir geschlemmt! Ob im einfachen Bistro an der Straße oder im Sterne-Restaurant mit steifer Serviette. Überall finden sich Fisch und Meeresfrüchte tagesfrisch in einem überwältigenden und bezahlbaren Angebot. Gut zu wissen: In Frankreich gilt die 24-Stunden-Regel. Mehr Zeit darf vom Fang bis in die Restaurantküche nicht verstreichen. Eine ausgefeilte Organisation in den Fischereihäfen sorgt dafür, dass Versteigerung, Großhandel und Transport derart reibungslos funktionieren, dass auch in küstenfernen Orten Fisch und Meeresfrüchte stets höchsten Ansprüchen genügen. Die Gastronomie unseres außen herum und auch mittendrin wasserreichen Nachbarlandes bietet frische Fische und Krustentiere bereits als Hors-d’oeuvre in Form von gemischten kalten Platten an, als Suppe, Fischterrine oder als warmes Zwischengericht. Anschließend wird der Fisch als Hauptgericht gereicht. Dazu Weißwein, Rosé oder auch gerne Rotwein.

Wer sich mit der Bestellung im Nachbarland etwas schwertut, die mögliche Überraschung einer Cotriade nicht wagt, sich zwischen perfekt zubereiteten Daurade, Grondin rouge, Lotte, Loup de Mer oder sogar Saint-Pierre nicht entscheiden mag, greift ganz unkompliziert zur Platte „Fruit de Mer“: Muscheln, Schnecken, Austern, Krebse, Langusten, Scampis und ein halber Hummer. ‪Wer das zum Beispiel im „‪Chez Jacky“ in Riec Sur Belon bestellt, wandelt nicht nur auf den Spuren von Kommissar Dupin im Roman „Bretonischer Stolz“, sondern wird, begleitet von einem kühlen Gläschen Muscadet, sogleich in den 7. Himmel der Kulinarik katapultiert.

Zurück in Deutschland. Erster Blick in meine Tageszeitung. Fette Überschrift: „Warum Sie weniger Fisch essen sollten“ wird mir da bedeutet, verfasst mit moralischer Keule. Ich? Soll gerade ich durch einen Fischverzicht die weltweiten Ressourcen schonen? Aber Hallo! Wenn die wüssten, dass ich Fischliebhaber bin – und dazu noch einen Diesel-PKW fahre…. Gehöre ich jetzt in die ökologische Scham-Ecke? Sollte ich etwa bei Fisch auf dem Tisch ein schlechtes Gewissen haben? Ich kapiere das nicht. Was soll dieses Sich-selbst-Kasteien der Deutschen? Wie viele Fische gibt es eigentlich auf unserem Planeten? Wie, da wurde noch nie richtig durchgezählt? Sind „Seefischöl-Kapseln“ eine Alternative?

Was passiert, sollte ich morgen das Fischessen einstellen und das mit mir gleichzeitig 80 Millionen Deutsche täten? Was verändern wir? Nichts! Wir sind ein Prozent der Weltbevölkerung und können die Welt nicht retten. Die Quintessenz kann nur lauten: Esst mehr Fisch! Servieren Sie ihren Gästen so oft als möglich leckere Fischkompositionen mit viel Gemüse. Sie wissen, Omega 3 ist kein Opel-Modell und Vitamin D ist für uns unverzichtbar. Sie wissen auch, dass der Fischverzehr bei Gicht, koronaren Herzkrankheiten und Osteoporose besonders empfohlen wird und vielfach sogar als Heilmittel anerkannt ist. Mit viel Fisch zum Gemüse bieten Sie das gesunde Basisprodukt der viel gelobten mediterranen Küche.

Die Isländer essen am meisten Fisch

Ich nehme mein Notizbuch und telefoniere mich durch die Fischindustrie. Wie sieht es wirklich aus mit dem Fischverzehr? Keiner meiner hochrangigen Gesprächspartner möchte namentlich genannt werden. Begründung? „Keine Lust auf Marken schädigende Hasskommentare in sozialen Netzwerken“. Als ich von meiner Frankreichreise erzähle, wird mir geraten: „Fahren Sie nächstes Mal nach Portugal, da wird pro Kopf viermal soviel Fisch gegessen wie bei uns, in Spanien dreimal soviel und die Franzosen verzehren 2,5 Mal soviel. Im weltweiten Verzehr führt Island mit 90 Kilo pro Kopf. Deutschland ist mit 14 Kilo weit abgeschlagen hinten. Der EU-Durchschnitt liegt bei 25 Kilo pro Kopf und Jahr und ist somit um 78 Prozent höher als bei uns. Ein leider noch ungenutztes, großes Potenzial“.

Natürlich wird mir auch brav von so genannter „bestandserhaltener Fischerei“ berichtet. Deren Nachhaltigkeit sich allerdings in den Ländern relativiert die damit nichts am Hut haben. Jemand sagt: „Aquakulturen verzeichnen seit Jahren ein jährliches Wachstum von zehn Prozent. Die FAO, das ist die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, schätzt seit 2014, dass der weltweite Pro-Kopf-Verbrauch der aus Aquakultur stammenden Erzeugnisse höher ist als der aus Wildfängen“. Ein alter Haudegen der Branche bringt es auf den Punkt: „Solange die Robben vor Namibia mehr Fisch fressen als in ganz Deutschland von den Menschen verzehrt wird, brauchen Sie und ihre Leser sich um den Fischbestand keine Sorgen zu machen“.

Richard S. Beerbaum

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Richard S. Beerbaum ist Marketingexperte, Journalist und Autor. Er ist seit über 30 Jahren in der Beratung großer Industrie- und Handelsunternehmen tätig, aber auch mit viel Freude in der Kommunikation für Gastronomie, Hotellerie und Food-Service im Einsatz. Der gebürtige Berliner lebt in Ludwigsburg und ist Partner der Agentur BestPage Kommunikation.

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