Abschiedsinterview mit Norbert Monßen

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Seit 22 Jahren leitet Norbert Monßen als Geschäftsführer die Geschicke des Bundesverbandes der Deutschen Vending-Automatenwirtschaft (BDV). Eine Zeit, in der der Kölner viel erleben und bewegen konnte. VENDING MANAGEMENT sprach mit dem 64-jährigen Anwalt über seine Erlebnisse und Höhepunkte beim BDV.

Dabei wagte er auch einen Blick in die Zukunft der Vendingbranche. (Von Martina Emmerich)

VM: Wie kamen Sie als Anwalt zum BDV und wie entwickelten sich der Verband sowie die Branche im Laufe der Jahre?

NM: Ich habe nach meinem zweiten Staatsexamen parallel zu meiner Anwaltstätigkeit 10 Jahre als Justiziar des Verbandes der Deutschen Automatenindustrie (VDAI) gearbeitet. Bereits während dieser Tätigkeit gab es vielfältige Berührungspunkte zur Vending-Branche. 1998 trat der Vorstand des BDV an mich heran mit dem Angebot, der erste Geschäftsführer in der Geschichte des BDV zu werden. Zu diesem Zeitpunkt „kränkelte“ der Verband: Es hatte sich herausgestellt, dass die ehrenamtlich tätigen Vorstandsmitglieder den Anforderungen an eine moderne Verbandsarbeit nicht mehr gerecht werden konnten. Viele Mitglieder waren unzufrieden mit der Verbandsarbeit; der BDV, dem damals rund 100 Unternehmen angehörten, drohte „auszubluten“.
Nachdem ich 1989 Geschäftsführer wurde, änderte sich einiges. Der Verband wurde lebendig und für die Mitglieder fühlbar. Mit den „Regionalen Operator-Treffen“, die schon kurz nach meinem Amtsantritt eingeführt wurden, wurden die Kontakte zur „Basis“ gestärkt. Nach und nach wurden – entsprechend der Ausweitung der Tätigkeitsfelder des BDV – Ausschüsse gegründet, die mit dafür sorgten, dass eine praxisnahe Verbandsarbeit gemacht wurde. Heute hat der BDV etwa 330 Mitglieder; in den 11 Arbeitsgremien sind rund 150 BDV-Mitglieder aktiv. Dies gewährleistet, dass der BDV bei allen Themen, die die Vending-Branche bewegen, auf der Höhe ist. Gerade die Ausschüsse haben eine große Dynamik in die Verbandsarbeit gebracht. Es gibt heute kein für die Branche relevantes Thema, das nicht im BDV behandelt wird.
Eine große Bedeutung bekam auch das Informationswesen: Über alles, was man in der Vending-Branche wissen musste, informierte der BDV schnell und präzise: in Rundschreiben, in der Mitgliederzeitschrift „BDV intern“ und bei den zahlreichen Mitgliedertreffen.
Parallel hierzu entwickelte der Verband eine intensive Pressearbeit, die dazu führte, dass der BDV zu einem der bekanntesten Verbände in der Branche der Gemeinschaftsverpflegung wurde.
Die Bekanntheit des BDV wiederum kam den Mitgliedern zugute: Wer sich im Wettbewerb als BDV-Mitglied auswies, konnte darauf setzen, dass er als professioneller Unternehmer angesehen wurde.

Die Veränderungen, die seit 1989 in der Branche stattgefunden haben, lassen sich bereits an den prächtigen Betriebsgebäuden ablesen, über die viele BDV-Operator heute verfügen. Die Branche ist hoch professionell geworden und hat anspruchsvolle Standards bei der Dienstleistungsqualität wie auch beim Automatendesign entwickelt. Ein Vergleich mit der Vending-Branche in anderen europäischen Ländern zeigt: Die deutschen Operator arbeiten am profitabelsten. Sie haben frühzeitig den Table-Top-Trend erkannt und konnten deshalb den Kaffee-Boom optimal nutzen.
Wie hart auch immer der Wettbewerb heute sein mag:
Die deutsche Vending-Branche ist hervorragend konditioniert und arbeitet absolut professionell. An dieser Entwicklung hatte der BDV, wie von Branchenkundigen immer wieder betont wird, einen bedeutenden Anteil.

VM: Sie haben in Ihrer Amtszeit sehr viel bewegt und wurden für Ihr Engagement in diesem Jahr mit dem Deutschen Vending-Preis ausgezeichnet. Welche Momente waren für Sie als Geschäftsführer besonders prägend und beeindruckend?

NM: Es gab für mich zahllose prägende und beeindruckende Momente während meiner fast 23jährigen Tätigkeit für den BDV. Generell möchte ich die Akzeptanz hervorheben, die ich bei allen BDV-Mitgliedern erfahren habe und die mich stets motiviert und beflügelt hat. Auch war die stets loyale Unterstützung durch meine Mitarbeiterinnen in der BDV-Geschäftsstelle  ein wichtiger Faktor.
Besonders bewegt hat mich die Anfang der 90er Jahre eingeführte Kommunale Verpackungssteuer, die unsere Branche über mehrere Jahre in existenzielle Sorgen gestürzt hat. Dass damals unsere vielfältige Arbeit, hier die Lobbyarbeit in zahllosen Kommunen, dort die Suche nach wirtschaftlich vertretbaren Auswegen und schließlich parallel hierzu der juristische Kampf, mit einem obsiegenden Urteil beim Bundesverfassungsgericht letztlich vom Erfolg gekrönt war, hat mir, wenn ich das einmal so ausdrücken darf, die Herzen aller BDV-Mitglieder zugetragen.
Ansonsten habe ich stets eine positive Resonanz gerfunden, sei es als Leiter der zahlreichen Regionalen Operator-Treffen, sei es als Referent bei den Schulungsveranstaltungen, sei es als Moderator und Referent bei den Trend-Treffen. Das Bewusstsein, von den BDV-Mitgliedern getragen zu werden, hat meinem Engagement für den Verband immer wieder einen neuen Schub gegeben.
Neben der Verpackungssteuer möchte ich auch die Gründung der Internationalen Vending-Messe Eu’Vend und die Etablierung des Europäischen Vending-Verbands EVA hervorheben, beides Ereignisse, an denen ich sehr aktiv beteiligt war und die die Branche, auch in Europa, mitgeprägt haben.

VM: Gab es auch Rückschläge, die Sie bzw. die Branche im Laufe der vergangenen Jahre zu verzeichnen hatten?

NM: Von Rückschlägen würde ich nicht sprechen. Als Branche, die ihre Basis in der Betriebsverpflegung hat, waren wir stets vom Wohl und Wehe der Industrieunternehmen, bei denen die Mehrzahl der Automaten stand und steht, abhängig. Hier gab es im Laufe der 23 Jahre einige Krisen, die jedoch – sicherlich mit Unterstützung des Verbands – stets gemeistert werden konnten. Selbst die „Jahrtausend-Herausforderung Euro-Bargeld“ im Jahre 2002 hat unsere Branche dank der BDV-Vor- und Lobbyarbeiten hervorragend bewältigt.
Dass es mit dem Automaten-Image immer noch hier und dort hapert, hängt weniger mit der Qualität der Automaten und der Operator-Dienstleistung zusammen als vielmehr mit dem verknöcherten Denken einiger Filmproduzenten, die es immer noch für unglaublich komisch halten, wenn in einem Krimi mal wieder ein Automat nicht richtig funktioniert.
Natürlich war es für die Vending-Branche eine gewaltige Herausforderung, dass sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten von einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt hat. Der Wegfall von Riesen-Produktionsbetrieben mit – Zigtausenden von Mitarbeitern hat den Operatorn harte Einschnitte und ein rigoroses Umdenken abverlangt.
Die Branche hat zu einer enormen Stabilität und auch Flexibilität gefunden, was man nicht zuletzt daran ablesen kann, dass es selbst während der Krisenzeiten kaum Insolvenzfälle gegeben hat.

VM: Sie haben maßgeblich zur Gründung der „Eu’Vend“ beigetragen, die nun wieder einmal kurz bevorsteht. Was ist das Besondere der Messe und wie hat sich diese in den vergangenen Jahren entwickelt? Wie wird sich die „Eu’Vend“ in Zukunft präsentieren?

NM: Die Eu’Vend hat sich aus dem Stand heraus als eine eigenständige Größe neben AVEX, Vending Paris und VendItalia positioniert. Die Eu’Vend hatte von Anfang an etwas, was die anderen so nicht hatten: Flair. Dazu hat sicherlich auch beigetragen, dass wir in der luftig und leicht wirkenden Messehalle 8 unsere Heimat gefunden haben und dass die Eu’Vend von bunten studentischen Aktivitäten begleitet war. Die Eu’Vend war von Beginn an die schönste Vending-Messe weltweit. Dabei spielt auch die familiäre Situation, die hier stets herrschte, eine wichtige Rolle. Prägend für die Eu’Vend-Atmosphäre war und ist der „Vending Abend“ am zweiten Messetag, mit 600 bis 700 Teilnehmern, das größte europäische Branchentreffen überhaupt.

Auch die Rahmenveranstaltungen zur Eu’Vend, so z.B. die Vortragsreihe „Visions of Vending“, studentische Workshops, die Gespräche auf dem „Roten Sofa“, die „Operators-Bar“ und der Innovationswettbewerb „Vending Star“ haben der deutschen Vending-Messe ein einzigartiges Gesicht gegeben. Und dabei möchte ich auch einmal eins festhalten: Beim Erfolg einer Messe kommt es nicht auf die Zahl der Besucher, sondern auf deren Qualität und auf die Zufriedenheit der Aussteller an. Und hierbei hatten wir bei der Eu’Vend stets Spitzenwerte. Bemerkenswert ist auch, dass die Eu’Vend den höchsten Anteil an ausländischen Besuchern von allen europäischen Vending-Messen aufweist.
Auch in Zukunft werden die „Eu’Vend-Macher“ BDV und Koelnmesse den Ehrgeiz haben, das Besondere dieser Messe herauszustellen und mit begleitenden Veranstaltungen Vending-Fachleute aus aller Welt anzulocken. Die Messe ist auf einem guten Weg und hat sich trotz aller Konzentrationsbewegungen in der Branche hervorragend behauptet.

VM: Sie haben zudem die EVA mitbegründet und in verschiedenen Gremien mitgearbeitet. Welche Schwerpunkte lagen Ihnen dabei besonders am Herzen?

NM: Bei der Gründung der EVA hatten wir die – übrigens damals von einigen BDV-Mitgliedern durchaus skeptisch gesehene – Vision: Europa wird in Zukunft eine immer beherrschendere Rolle spielen; Gesetze werden mehr und mehr in Brüssel gemacht; wer Einfluss auf die europäische Gesetzgebung nehmen will, braucht eine professionelle Branchenvertretung in Brüssel.
Diese Vision hat sich inzwischen als absolut zutreffend erwiesen: der größte Teil der gesetzlichen Vorschriften mit Vending-Relevanz kommt seit Jahren aus Brüssel und nicht aus Berlin.
Die weiteren Ziele bei der EVA-Gründung waren die Schaffung einheitlicher Branchen-Standards sowie ein stetiger Informations- und Gedankenaustausch zwischen den europäischen Vending-Verbänden.
An dieser Notwendigkeit hat sich bis heute nichts geändert.

VM: In der Branche hat sich im Laufe der Jahre viel bewegt. Profitieren die heutigen Betreiber sowie der Hersteller von Getränke- und Verpflegungsautomaten davon? Wie viele Mitglieder hat der Verband und welches Ansehen/Image genießt die Branche?

NM: Zunächst zur letzten Frage: Dem Verband gehören heute rund 330 Mitglieder an, Tendenz steigend. Der BDV genießt allseits ein hohes Ansehen. Dies gilt bei den Ministerien, mit denen der Verband zu tun hatte, ebenso wie für andere Verbände, mit denen der BDV zusammenarbeitet. Das schönste Kompliment, das uns aus dem Mitgliederkreis immer wieder gemacht wurde, lautete: „Wir gehören auch anderen Verbänden an, doch kein anderer Verband ist so aktiv wie der BDV!“.
Auch bei der EVA und bei den anderen europäischen Verbänden genießt der BDV ein hohes Ansehen, was z.B. auch durch meine Ehrenmitgliedschaft im Österreichischen Vending-Verband (ÖVV) und mit der Ehrung durch den Italienischen Verband CONFIDA zum Ausdruck gebracht worden ist. Die Akzeptanz, die wir bei unseren Mitgliedern haben, beruht vor allem darauf, dass der BDV für Sachkompetenz, entschiedenes Eintreten für die Branche, fundierte Beratung, schnelle Information über vending-relevante Themen, lebendige Veranstaltungen und auch für Trend-Setting und Kreativität steht. Der BDV war für alle Vending-Unternehmen ein unverzichtbarer Begleiter, als es um die Erfüllung der Anforderungen nach der Verpackungsverordnung ging, als der Euro eingeführt wurde, als nach der EU-Lebensmittelhygiene-Regelung HACCP-Konzepte erforderlich waren, als es um die Schaffung einer gesetzlichen Ausbildungsordnung ging, als in der Wirtschaftskrise 2009 Kurzarbeiter-Regelungen erforderlich waren, als es um branchenverträgliche Elektronikschrott-Regelungen und um viele andere gesetzliche Neuregelungen mit Relevanz für die Branche ging.

Das hohe Ansehen, dass der BDV innerhalb der Branche genießt, hat auch – dank einer konsequenten Pressearbeit – Wirkung außerhalb der Branche gehabt und dazu beigetragen, dass Vending heute nicht als eine unbedeutende Unterabteilung der Betriebsverpflegung, sondern als ein unverzichtbarer Distributionsweg in vielen Bereichen des modernen Lebens gesehen wird.

Automaten werden von den modernen Menschen als unverzichtbare Helfer im Alltag gesehen. Das positive Image, das wir heute überwiegend haben, beruht auf folgenden Faktoren:

1. Anmutung und Benutzerfreundlichkeit moderner Automaten
2. Zuverlässigkeit der Automaten
3. Professionalität und Qualität der Operator-Dienstleistung
4. hohe Qualität, Frische und Vielfalt der angebotenen Produkte, insbesondere auch beim Boom-Thema Kaffee
5. Vielfalt der Automatentypen.

Zu alldem hat der BDV einen maßgebenden Beitrag geleistet. Der Verband galt und gilt als „Motor“ der Branche.

VM: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Vendingbranche weiterentwickeln?
NM: Die Automatenwelt wird immer vielfältiger. Die große „Artenvielfalt“ von Automaten führt immer wieder zu neuen Ideen, Waren aus Automaten zu verkaufen. Vending ist damit ein Selbstläufer. Der entscheidende Vorteil ist die Waren-Verfügbarkeit 24 Stunden lang an jedem Tag. Angesichts des immer dringender werdenden Personalproblems, wie wir es z.B. in der Gastronomiebranche erleben, werden automatengestützte Distributionssysteme immer bedeutsamer. Ich sehe z.B. auch ein großes Potential für den Lebensmittelverkauf aus Automaten in ländlichen Gebieten oder in den städtischen Randzonen, in denen es heute keine Nachversorgung mehr gibt. Die Zunahme älterer Menschen, die nicht über die Beweglichkeit Jüngerer verfügen und die deshalb ihre Lebensmitteleinkäufe anders organisieren müssen, wird mehr und mehr Automaten ins Spiel bringen.

Die Automaten selbst werden in Zukunft noch benutzer- und servicefreundlicher werden. Eines Tages wird man es für selbstverständlich halten, dass man am Automaten mit dessen Betreiber kommunizieren kann, dass Automaten aus der Ferne gewartet werden und dass die vom Automaten in die Zentrale übermittelten Daten zum technischen Zustand und über den Füllstand einen wesentlich rationelleren Personaleinsatz ermöglichen. Automaten werden, da bin ich sicher, in Zukunft noch attraktiver und zuverlässiger sein und das Fehlen eines charmanten Lächelns bei der Bedienung des Kunden durch Präzision, Schnelligkeit, Verfügbarkeit und Produktqualität ausgleichen.
Was die Struktur der Vending-Branche in Deutschland betrifft, sehe ich auch in absehbarer Zeit keine Änderung der – im Vergleich zu den Niederlanden oder der Schweiz – fragmentierten Situation.

VM: Der BDV ohne Norbert Monßen ist kaum vorstellbar. Wird Ihnen der Verband nicht fehlen? Was werden Sie nun machen? Engagieren Sie sich weiterhin in den Gremien oder widmen Sie sich ganz Ihrer Familie und Ihren Hobbys?

NM: In der Tat haben BDV und Vending-Branche mein Leben bestimmt. Die große Vielfalt an Themen und die Verwobenheit unserer Branche mit allen anderen Wirtschaftsbereichen haben meinen Horizont erweitert und mein Berufsleben spannend gemacht. Die familiäre Atmosphäre im BDV sowie die Freundlichkeit, mit der mir die Mitglieder begegneten, haben mich stets beflügelt und motiviert. Der tägliche Umgang mit den Menschen wird mir sicherlich fehlen.
Allerdings wird mein zweites berufliches Standbein, die Tätigkeit als Rechtsanwalt, dafür sorgen, dass es auch in Zukunft nicht an Herausforderungen fehlen wird. Da ich während meiner gesamten Verbandstätigkeit stets auch als Rechtsanwalt aktiv war, werde ich meine Vending-Branchenkenntnisse künftig in den Vordergrund meiner Anwaltstätigkeit stellen. Ob Vertragsrecht, Arbeitsrecht, Lebensmittelrecht oder Steuerrecht: Meine Erfahrungen in allen Bereichen der Operator-Tätigkeit wird es mir ermöglichen, die Branche weiterhin, diesmal mit dem Schwerpunkt Recht, zu begleiten. Auch in Zukunft wird man von mir hören.

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