Die digitale Ergonomie

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Richard S. Beerbaum

Richard S. Beerbaum. Foto: Best Page

Den Begriff „ergonomisch“ kennen wir alle als Marketing-Sprech. Besonders, wenn es darum geht, einen extravagant gestalteten Bürostuhl anzupreisen oder uns im bayerischen Automobil ein schräg gestelltes Armaturenbrett schmackhaft zu machen. Es geht vordergründig um die Anpassung von Arbeitsbedingungen an den Menschen. Doch Ergonomie ist viel mehr. Das erklärt sich schon im Wort. Ergonomie ist ein Mix aus dem griechischen Ergon (Arbeit) und Nomos (Regeln, Gesetz). Ergonomie steht für die Regeln unserer Arbeit. Dieses Regelwerk erfindet sich in Gemeinschaftsverpflegung und Catering gerade neu: Die Schnittstelle von Mensch, Maschine und Umwelt wird neu definiert. Diese Schnittstelle besteht in der gegenseitigen Abhängigkeit von der Ausstattung des permanent produktionsoptimierten Arbeitsplatzes inklusive seiner technischen und ökonomischen Anforderungen, dem kompetenten Menschen, der die kognitiven Anforderungen dieses Arbeitsplatzes erfüllt, und den wirtschaftlichen Zielen des jeweiligen Unternehmens. Ergonomie hat eine große Schwester – und die heißt Ökonomie. Auf dem Markt hört das Geschwisterpaar auf den Namen Effizienz. Kann Ergonomie ohne Ökonomie funktionieren? Niemals!

Ergonomie + Ökonomie = Effizienz

Spreche ich – außerhalb der Food-Branche – mit hochrangigen Führungskräften großer Unternehmen heißt das Thema das unter den Nägeln brennt „digitale Disruption“. Es geht um die Zerstörung traditioneller Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten durch zum Beispiel digitale Plattformen, an denen niemand vorbeikommt. Fieberhaft wird überlegt, welche Strategien und Investitionen heute erforderlich sind, um auch morgen im Markt erfolgreich zu sein. International operierende Firmen haben längst spezielle Abteilungen eingerichtet die von einem CDO (Chief Digital Officer) geführt werden. Andere wollen einfach nur ihre bewährten Geschäftsmodelle irgendwie an das digitale Zeitalter anpassen. Sie könnten daher zu den Verlierern gehören, wenn zentrale Positionen ihrer gehüteten Wertschöpfungskette von anderen erobert werden.

Beispiele für Disruptions gibt es genug: Das iPhone und iTunes, TV-Downloads wie Netflix, mobile.de, Buchungsportale für Hotels und Reisen, Immobilienangebote, Lieferdienste,

Taxi by Uber, Airbnb, Online-Informationsdienste, Wikipedia, Cloud-Computing, Versandapotheken, e-Book, Ebay und natürlich Amazon. Kennen Sie alles, nutzen Sie wahrscheinlich täglich. Apropos Amazon. Man wartet gespannt auf „Amazon-fresh“. Wird Amazon das online-Geschäft mit Lebensmitteln an sich reißen können? Neue Perspektiven und Gestaltungslösungen erfordern in der einzigartigen Verbindung von Ergonomie und Ökonomie einen ganzheitlichen Ansatz bei dem Auswirkungen auf Produktivität und Kosten eine zentrale Rolle spielen dürften.

Evolution + Revolution = Disruption

Zurück zum Food-Markt. Die Generation Laptop wird die Branche kräftig auf- und durchmischen. Digitale Technologien werden die Branche professioneller Gemeinschaftsverpflegung und das Catering rasant verändern, der digitale Reformstau dürfte sich zügig auflösen. Die vernetzte Welt der Großküche 4.0 ist erst der Anfang, voll automatisierte Speisenproduktion, Roboter-Portionierung und Verteilung durch autonom arbeitende Systeme folgen. Ergonomisches Denken bedeutet das Zusammenspiel von Kosten, Zeit, Wareneinsatz und Energie, immer mit dem Ziel, die Produktivität im Sinne von Ökonomie, Effizienz und Qualität permanent zu steigern.

High-Tech hat auch Schattenseiten: Bisherige Aufgaben von Marktteilnehmern und Beschäftigten werden durch digitale Technologien wegfallen. Einkauf und Bestellwesen werden Plattform-webbasiert wesentlich effizienter ablaufen und im Markt neue Player generieren. Es gehört schon längst nicht mehr zu den Geheimnissen, dass besonders große Nahrungsmittelhersteller eine Neuordnung der Wertschöpfungskette durch Direktvertrieb prüfen, um ihre Produkte unter Umgehung der Großhandelsmarge günstiger zu verkaufen. Die sichtbaren Reaktionen sind vielfältig: Der eine scharrt ambitionierte Start-Ups um sich um sein Unternehmen neu zu erfinden, der andere bietet auf bunten Internetseiten hübsche Werbekulis an. Spannend bleibt wie es weitergeht und wer in Zukunft noch mitmischt. Denn fast 20 Mrd. Euro Branchenumsatz sind starker Lockstoff. Wie wird „Amazon-fresh“ im B2B auftreten? Amazon-Chef Jeff Bezos, in den USA auch „the ultimate disrupter“ genannt, sagt: „Your margin is my opportunity“. Die neue Ergonomie kommt aus dem Internet. Bleiben Sie gespannt! Richard S. Beerbaum

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Richard S. Beerbaum ist Marketingexperte, Journalist und Autor. Er ist seit über 30 Jahren in der Beratung großer Industrie- und Handelsunternehmen tätig, aber auch mit viel Freude in der Kommunikation für Gastronomie, Hotellerie und Food-Service im Einsatz. Der gebürtige Berliner lebt in Ludwigsburg und ist Partner der Agentur BestPage Kommunikation.

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